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  • Dr. Peter Reckenthäler

Das Drumherum wird neu gedacht

 

Nachhaltigkeit ist im Packaging-Bereich heute selbstverständlich. Neuartige Materialien und Verfahren eröffnen spannende Forschungsfelder und können für Unternehmen noch dazu äußerst lukrativ sein.

Knallige Farben, knisterndes Plastik: Es gab Zeiten, da dienten Lebensmittelverpackungen am POS vor allem dazu, Aufmerksamkeit zu erregen. Die Maxime lautete: Je schriller, desto besser. Inzwischen ist die Industrie zum Glück einen Schritt weiter. Der Nutzen von Verpackungen beschränkt sich heute in vielen Fällen darauf, Waren vor dem Verfall zu schützen, sie frisch zu halten und Transportschäden zu vermeiden. Und all das unter der Maßgabe „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“. Ein solches Umdenken in Richtung Nachhaltigkeit ist auch bei Verbraucherinnen und Verbrauchern längst zu beobachten. Einer im September 2022 veröffentlichten Studie der Strategieberatung Simon-Kucher & Partners zufolge legen 75 Prozent von ihnen Wert auf nachhaltige Verpackungen – Inflation und Energiekrise zum Trotz. 31 Prozent achten in der Krise sogar noch stärker auf nachhaltige Verpackungen als zuvor, und 72 Prozent sind bereit mehr dafür zu zahlen. Auch führende Fachmessen wie die Interpack in Düsseldorf oder die Fachpack in Nürnberg sind sich einig, dass Nachhaltigkeit zu einem der wichtigsten Kaufkriterien der Kundschaft geworden ist. „Sie wird nicht mehr als ‚add on‘ gesehen, sondern ist mehr und mehr gefordert“, sagte Thomas Dohse, Chef der Interpack, im Vorfeld der Messe im Mai 2023.

Die Innovationen im Verpackungsbereich spiegeln dieses Bewusstsein wider. Im Fokus stehen nach Interpack-Angaben einfach zu recycelnde Verpackungen, Monomaterial-Verpackungen und der Einsatz von sogenannten Rezyklaten, also von Stoffen, die ganz oder teilweise aus Materialien bestehen, die beim Recycling-Prozess gewonnen werden. Wie erfinderisch die Branche ist, zeigt sich zum Beispiel auch daran, dass immer mehr Biokunststoffe zum Einsatz kommen, die biologisch abbaubar oder biobasiert sind, zum Beispiel Materialien aus Zuckerrohr, Palmblättern oder Mais. Auch Verpackungen aus Gras haben sich im Markt etabliert. Im Jahr 2017 hat die Rewe-Gruppe sie deutschlandweit in ausgewählten Märkten eingeführt und setzt sie aktuell als Verpackungsschalen für Obst ein. Auch Algen sind als Material offenbar vielversprechend, verschiedene Start-ups forschen bereits daran. Spannende Forschungsfelder tun sich hier auf. Diese bieten neben ihrem Nachhaltigkeitsanspruch auch noch Aussicht auf lukrative Innovationen! Vor allem dann, wenn diese Innovationen schutzrechtlich abgesichert und etwa durch Lizenzen vermarktet werden. Neben neuartigen Materialien können dabei übrigens auch die jeweiligen Herstellungsverfahren durch Patente wirkungsvoll geschützt werden.

Ein viel diskutierter Trend ist das „Coating“: Seit 2019 wird es in Europa eingesetzt, um Plastikverpackungen bei Obst und Gemüse zu ersetzen und Früchte länger haltbar zu machen. Bei dem Verfahren werden die Waren mit einer hauchdünnen Schutzschicht versehen, die meist aus pflanzlichen Fetten oder aus einer Schicht auf Basis von Zucker und pflanzlichen Ölen besteht. Hierdurch verlieren die Früchte weniger Wasser und es dringt weniger Sauerstoff ein, der Reifeprozess wird somit verlangsamt. In der EU sind seit 2021 Zusatzstoffe, die zu einer solchen Oberflächenbehandlung von frischem Obst und Gemüse eingesetzt werden, durch die Angabe „gewachst“ zu kennzeichnen. Der Nutzen des Coatings ist aus Sicht der Verbraucherzentrale NRW jedoch fraglich: Die Organisation schreibt auf ihrer Website, dass das Verfahren meist keinen effektiven, qualitätserhaltenden Schutz gegen mechanische Belastungen wie durch das Betasten der Früchte biete. Auch der Einfluss etwa auf die Inhaltsstoffe und die Haltbarkeit der Produkte bleibe zu klären. Diese und andere Fragen werden die Branche sicher noch weiter beschäftigen – und womöglich eines Tages zu weiteren Lösungsansätzen und Innovationen führen.

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